Kinder an die Medien! Oder?

Darf ich noch ein Video?“ – „Ich muss schnell für mein Referat googeln!“ – „Kannst du mir die App runterladen?“ – „Ich brauche den Laptop nachher für‘s Homeschooling!“ – „Aber der Theo darf das auch schon spielen!“

Wir schreiben das Jahr 2020 und in Deutschland gibt es quasi keine Familie mehr ohne Medienausstattung. 96 % aller Haushalte verfügen über ein Fernsehgerät. 98 % der Haushalte haben Computer oder Laptop und WLAN. Und in 99 % der Haushalte mit Kindern gibt es mindestens ein Handy oder Smartphone. Das weiß die JIM-Studie, die größte deutsche Mediennutzungsstudie.

Aber: Im Jahr 2020 gibt es sicherlich auch kaum Familien, in denen genau diese Medien nicht hin und wieder zum Streit-, Konflikt- oder schlechte-Laune-Thema werden. Das sagt die Privatempirie. Das weiß aber beispielsweise auch die Studie „Mobile Medien in der Familie“ des JFF. In dieser Studie wurden in Interviews „häufig Sorgen und Ängste in Bezug auf mobile Medien thematisiert […]. Z. B. ein Zuviel an Medien, ein Abgleiten in mediale Welten oder den Verlust von Fähigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. (Wagner, Ulrike; Eggert, Susanne; Schubert, Gisela (2016). MoFam – Mobile Medien in der Familie, S. 67)

Gute Medien – schlechte Medien?

Da stellt sich doch die Frage: Woher kommt dieser Konflikt? Warum sind Medien scheinbar unverzichtbar – und gleichzeitig so problematisch? Und um was genau geht es da eigentlich, in diesem Konflikt mit diesen Medien?

Genau in dieser Frage steckt schon ein Teil des Problems. Denn wenn man von „den Medien“ spricht, kann man genauso gut von „dem Spielzeug“ sprechen oder von „den Hobbys“. Dabei wird schnell klar: Spielzeug ist nicht gleich Spielzeug. Hobby ist nicht gleich Hobby. Und Medien sind nicht gleich Medien.

Wovon sprechen wir also, wenn wir von ‚Medien‘ sprechen?

Erst einmal ist ein Medium alles, was Informationen überträgt (siehe zum Beispiel die Definition der bpb). Sei es nun von einer Person zu einer anderen, wie ein Telefon, oder von einer Person zu vielen anderen, wie der Fernseher. In eine Richtung, wie beim Buch, oder in verschiedene Richtungen, wie im Chatraum.

Die Medien, die wir zu Hause haben, können wir anschauen oder anhören, damit spielen oder arbeiten, Zeit vertreiben oder uns weiterbilden, uns informieren oder andere informieren, kommunizieren oder damit kreativ werden.

Genau das macht Medien so attraktiv – sie bieten für (fast) jedes Bedürfnis das richtige Angebot. Kaum ein Erwachsener geht heute noch ohne Handy aus dem Haus – man braucht es, um morgens das Wetter zu checken, in der Bahn noch Zeitung zu lesen oder zwischendurch beim Zahnarzt anzurufen, um einen Termin zu machen. Es liefert Unterhaltung und Information, es erinnert an wichtige Geburtstage – und hilft, in letzter Sekunde noch ein Geschenk zu bestellen.

Diesem Reiz können sich auch Kinder nicht entziehen. Denn auch für sie sind Handy, Tablet, Laptop und Co. faszinierende Wundertüten voller spannender Angebote. Seien es selbstgemachte Fotos und Videos, sei es das Videotelefonat mit der Oma oder das Hörspiel für die lange Autofahrt.

Ab auf den goldenen Mittelweg – aber wo ist der?

Kinder lieben Medien - Eltern müssen ihnen helfen, sie bewusst und reflektiert zu nutzen.
Bild von andrii Sinenkyi auf Pixabay

Während Erwachsene und Kinder sich also ziemlich einig darin sind, dass die vielen Geräte, die unter das Schlagwort „Medien“ fallen, allerlei Tolles zu bieten haben, sind sie sich oft nicht so einig, wie diese (durch die Kinder) richtig zu nutzen sind.

  • Wie lange ist lange genug – und wann wird es zu viel?
  • Drohen am dritten Fernsehabend in Folge doch noch die lang befürchteten eckigen Augen?
  • Sind Altersbeschränkungen von Filmen und Spielen auch pädagogische Empfehlungen?
  • Wie können Kinder sensibel gemacht werden für Datenschutz, Persönlichkeitsrechte etc.?
  • Wie begegnet man generell Gefahren wie Cybermobbing oder Mediensucht?
  • Oder verpassen Kinder am Ende den Anschluss, wenn sie sich zu wenig auskennen mit Medien?

Wenn es um Mediennutzung und Medienerziehung geht, haben Eltern oft viele Fragezeichen im Kopf. Es fehlt die eigene Erfahrung als Kind (schließlich ist der tägliche Umgang mit Tablet, Smartphone und Co. noch immer ein relativ neues Phänomen). Es fehlen gute Strategien und Unterstützung. Und dann geistern dazu noch polemische, überzeichnete Angstvorstellungen durch manche Medien und ‚Elternratgeber‘, in denen vor drastischen Gefahren gewarnt wird. Hin und wieder wird gar vermittelt, Kinder seien am besten so lang wie irgend möglich von Medien fern zu halten, um großen Schaden zu verhindern.

Doch irgendwo zwischen Euphorie und Panik muss er ja sein – der Mittelweg, der sich doch sonst immer als ‚golden‘ anbietet.

Und tatsächlich gibt es den Mittelweg. Und er lässt sich recht gut vergleichen mit dem, was auch im Umgang mit dem vorher bereits bemühten „Spielzeug“ und „Hobby“ für sinnvoll gehalten wird: Kein unreflektierter, grenzenloser Konsum, aber auch keine strikten Verbote. Stattdessen Wissen sammeln, reflektieren, bewerten, einschätzen und dann gezielt und bewusst nutzen.

Bei Medien nennt sich das dann mit einem Wort: Medienkompetenz.

Medienkompetenz – Kinder stark machen für die Welt, in der sie leben

Denn darin sind sich wohl alle einig: „Die Medien“ sind nunmal da. Kinder wachsen völlig selbstverständlich in einer medialen Welt auf. Sie können Hörspiel-Melodien singen, bevor sie sprechen können und sie versuchen mit zwei Fingern in Malbücher zu zoomen, bevor sie den Stift richtig halten können. Kinder lassen sich nicht in eine medienfreie Blase setzen – sie begegnen Medien immer und überall. Und das ist auch gut so.

Gleichzeitig ist unreflektierter, völlig unbegrenzter Konsum bei Medien genauso sinnvoll wie bei Eiscreme. Nämlich gar nicht.

Das Ziel kann daher nur sein, Kinder auf ihrem Weg zu kompetenten Nutzerinnen und Nutzern zu begleiten und ihnen zu helfen, aufgeklärte, selbstbestimmte und kritische Mediennutzerinnen und -nutzer zu werden.

Das Konzept der „Medienkompetenz“, das der Erziehungswissenschaftler und Medienpädagoge Dieter Baacke schon in den 1970er Jahren geprägt hat (und das hier ausführlich erklärt wird), hat genau dieses Ziel. Es unterscheidet dabei vier „Dimensionen“, also vier Bereiche, in denen Kinder stark gemacht werden sollen:

  • Medienkunde: Kinder und Erwachsene sollten ein Grundwissen zu den Medien haben, die sie nutzen. Sie sollten die Geräte verstehen und bedienen können und über die Möglichkeiten informiert sein.
  • Medienkritik: Nicht nur die Angebote sollte man kennen – auch deren Hintergründe sind wichtig. Woher kommt welche Nachricht, welcher Anbieter ist vertrauenswürdig, wie erkenne ich problematische Inhalte sofort?
  • Mediennutzung: Kinder sollten dabei unterstützt werden, Medien bewusst und gezielt für ihre Zwecke zu nutzen – sie sind keine passiven Konsumentinnen und Konsumenten sondern aktive Nutzerinnen und Nutzer.
  • Mediengestaltung: Und schließlich sollten Menschen Medien auch aktiv für ihre Zwecke nutzen. Selbst gestalten, sich einbringen, eigene Inhalte vermitteln. So werden Nutzer*innen aktiv und prägen die Medienlandschaft mit.

Praktisch: Nicht schwarz oder weiß sondern bunt


Und was heißt das jetzt konkret?

Im Prinzip heißt es: Raus aus dem Schwarz-Weiß-Denken, rein in aktives Kennenlernen, Entdecken, Gestalten. Wie bei den meisten anderen Freizeitbeschäftigungen, sollte man sich auch bei Medien fragen:

  • Was passt zu mir und meinem Kind – welche Angebote sind nützlich, hilfreich, gefallen?
  • Was ist altersgemäß und bedient ein Bedürfnis?
  • Wie viel Zeit ist sinnvoll, was passt in unseren Lebensrhythmus?

Gerade beim Thema ‚Nutzungszeit‘ bringt es nichts, ein Zeitpensum festzulegen, das dann jeden Tag so genutzt werden kann. Schließlich läuft ein Tag am Wochenende ganz anders ab, als ein Tag mit Kindergarten/Schule. Ein Regentag hat andere Anforderungen als ein Tag im Hochsommer. Und: Ein Video dauert vielleicht genau 5 Minuten länger als die festgelegte Zeit …

Viel sinnvoller ist deshalb eine flexible Lösung, etwa Mediengutscheine. Dann stehen dem Kind pro Woche 5 Gutscheine á 30 Minuten zur Verfügung – und die kann es ganz nach eigenem Gusto einsetzen. So ist die Medienzeit gedeckelt, es bleibt aber dennoch Flexibilität und Selbstbestimmtheit erhalten.

Der wichtigste Punkt aber ist – bei Mediennutzung, wie bei allen anderen Erziehungsthemen auch – Kommunikation. Fragen, zuhören, Interesse zeigen, Bedenken äußern, reden, reden, reden … Nur im offenen Gespräch lässt sich immer wieder neu abstecken, was sinnvoll ist, wo Grenzen verlaufen können, welche Bedürfnisse hinter welchem Verhalten stehen.

Und manchmal können so auch die Erwachsenen noch dazu lernen – zum Beispiel, welche tollen Angebote diese Medien eigentlich bieten, die vielleicht auch gemeinsam richtig Spaß machen!

Eine gute Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, bieten unsere Arbeitsblätter zum Thema „Medien“. Sie können hier heruntergeladen werden. Die Nachdenk-Aufgaben laden zur Refklektion ein und bieten die Chance, bisherige Nutzungsweisen zu erkennen und neu zu überlegen.

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